Nahe der Natur
Mitmach-Museum für Naturschutz

Neue Natur - Neobiota

Eine Freinatur-Themenseite - auch direkt erreichbar unter Domain www.neue-natur.de

Eng mit „Wildnis“ und „Rewilding verknüpft (Themenseite Wildnis) ist das Neobiota-Thema. Denn wer Wildnis-Dynamik zulässt, sollte eigentlich auch Artendynamiken, auch Neubürger akzeptieren. Oder nicht - wann und wie? Darum dreht sich diese Seite zu einem der gereizesten oder reizvollsten Naturschutz-Themen der Zeit. Zum Mitdenken, mit Toleranz!


Um was geht es? Begrifflichkeiten:

‚Neobiota‘ (Neo = neu, Biota = Lebendiges) sind „gebietsfremde“ Organismenarten, die in historischer Zeit in einem Gebiet nicht vorkamen und aus weit entfernten Regionen stammen. ‚Neophyten‘ sind entsprechende Pflanzen, ‚Neozoen‘ Tiere, Neomyten Pilze. 

„Archäo-Biota“ sind Arten, die schon früh verschleppt wurden (bis Mittelalter). Demgegenüber werden als „(alt)heimisch“ Arten bezeichnet, die noch früher hier waren. Wenige Neobiota verhalten sich zeitweise „invasiv“: Das heißt, sie verbreiten sich schnell und bilden Dominanzbestände. Sie werden international als ‚invasive alien species‘ (IAS) bezeichnet. Neobiota werden oft problematisiert; dagegen leben wir hier unser Toleranz-Prinzip, aber mit Differenzierungen, siehe unten.

KEINE Neobiota sind Arten, die infolge natürlicher Arealerweiterung nahebei, angrenzend oder direkt benachbart zu ihrem bisherigen Verbreitungsgebiet sich neu ausbreiten, auch wenn sie nie zuvor im Ausbreitungsgebiet vorkamen: Das ist der Normalfall, denn Artenvorkommen waren und sind immer veränderlich. Prominentes Beispiel ist der Goldschakal, der derzeit aus Südost- nach Westeuropa kommt.

Auch KEINE Neobiota sind (altheimische) Arten, die sich nach zwischenzeitlichem Verschwinden von selbst wieder ausbreiten, wieder einwandern, zurückkommen und sich vermehren: z.B. Wolf, Biber, Fischotter, Weißstorch, Kormoran, Gänsesäger, Rabenvögel. Sie gehören hierher. Ein "zu viel" kann es nicht geben, weil Bestände sich von Natur aus regulieren und an verfügbare Lebensräume anpassen, auch in Kulturlandschaften. Deren oft absurde Problematisierung treten wir entgegen. Aber das ist ein eigenes Thema und auf dieser Seite geht es nachfolgend um die echten Neobiota.


Eigenes Material zur Übersicht mit Neobiota:

  • Übersichts-Fachartikel: Michael Altmoos (2026): "Fremdes reizt: Neobiota und ihre Einordnung in die Naturdynamik" - Naturschutz-Magazin 02-2026: Seiten 58-65. Freies pdf hier (Download ganzes Heft). Quelle 'Naturschutz-Initiative.de'. Daraus das Bild.
Frmendes reizt? Neobiota-Toleranz, erklärt von Michael Altmoos

Reiztier Waschbär in Europa. Titelbild des Artikels von Michael Altmoos, indem Toleranz erklärt, aber auch differenziert wird. Quelle (c) 'Naturschutz-Initiative.de


Wichtige Links auf Andere:

Ein behördliches Portal zu Neobiota in Deutschland bietet das Bundesamt für Naturschutz (BfN). Dort gibt es teils weniger Toleranz gegenüber Neobiota als wir hier anregen, aber doch auch viele Differenzierungen, aktuelle Listen und beileibe keine pauschale Bekämpfung: Portal Link. 

Material zur Vertiefung und Bestätigung eines Toleranzprinzipes ähnlich uns durch Andere:


Neue Natur - "Novel Ecosystems"

Laut konsequentem Wildnisbegriff geht Natur immer nur nach vorne – nie zurück. Eine Rückführung auf frühere Zustände jenseits einiger „Denkmalflächen“ (und auch die nicht vollständig) muss zum Scheitern verurteilt sein. Denn natürliche und menschengemachte Stoffflüsse, Klima, aber auch Artenvorkommen sind nie dieselben. Weil Arten mit die Natur ausmachen, gibt es jeden Tag eine „neue Natur“ mit Artendynamik.

Neobiota, auch Invasionen, gehören schon immer zum Wesen der Natur. Ob der Mensch mit seiner Globalisierung so viel stärker ist als z.B. die Milliarden von Zuvögeln und Wanderorganismen, die wir so stark dezimiert haben und die seit Urzeiten mit veränderlichen Zugbahnen Samen und Tiere über Kontinente und Inseln verschleppten, darf offen diskutiert werden.

In Natur gab und gibt es eigentlich "nur" neue Ökosysteme. Der Terminus "Novel Ecosystems" betont jedoch, dass auch Neobiota mit dazu gehören, Lebensräume mit ihnen manchmal ungewohnt erscheinen, aber zum funktionsfähigen Naturhaushalt, und der ist entscheidend, oft gut beitragen können. Öffen wir uns für das Neue, was aber nicht heißt, absichtlich zu manipulieren und zu verfremden; dazu unten mehr.

Mit naturdynamischem Blick, der unsere Arbeit ‚Nahe der Natur‘ prägt, bieten wir hierzu Faktenmaterial; Denkanstöße und Anregungen zum Thema: Zum Mitdenken, zum kultiviert Diskutieren und zum angemessenem Handeln. Dabei unterscheiden wir inzwischen vier Ebenen:


Ebene 1 - Grundlage: Intakte und eigendynamische Lebensräume

Oft sind Neobiota-Dominanzen und -Invasionen nur ein Symptom für das tiefer liegende Problem zerstörter Lebensräume. Dort wo überdüngt, vergiftet, strukturell zerstört wurde und wird, können anpassungsfähige Neobiota einfacher Fuß fassen als in intakten Lebensräume, wo altheimische Arten doch oft sehr robust dagegen sind.

Daher ist ein Einsatz zur Erhaltung und Entwicklung intakter und möglichst eigendynamischer Lebensräume. Dort haben Neobiota über lange Zeit weniger Chancen, treten zurück oder nischen sich ein. Naturnahe Lebensräume sind für die gesamte Biodiversität und Klima ohnehin zentral nötig.

Hiermit knüpfen wir an viele Ursachen eines (Schein)Probleme an, statt "fremde Symptome" oft unsinnig zu bekämpfen oder gar aktiv reparieren zu wollen.


Ebene 2 - Hauptsatz: Toleranz dem Fremdem und Neuem

Unser Haupt- und Grundsatz ist, das Neue zu akzeptieren. Das gilt sowohl in intakten Lebensräumen, wenn es sich dort mal halten sollte, als auch in zerstörten Lebensräumen, wo Neobiota ja oft nur ein schwer zu bekämpfendes Symptom für tiefer liegende Probleme sind, die mit Ebene 1 auch aus vielen anderen Gründen angegangen werden müssen. Grundsätzlich aktzeptieren wir damit die hohe Naturdynamik, egal ob heimisch, neu, fremd oder in laufendem Übergang..

Zu trennen sind grundsätzlich bei all dem Inseln mit langer isolierter Flora und Fauna. Dort richten Neobiota sicher immensen Schaden an, während sie im großen Durchgangskontinent Europa das eher nicht tun. Und wir beziehen uns vor allem auf Europa.

Naturdynamik als Leitlinie, auch mit Neobiota, setzt an alles an, was von selbst kam und kommt. Und es setzt sogar an frühere Fehler wie der unsinnigen alten Aussetzung von Organismenarten an, die schon weit verbreitet sind. Zum Beispiel die etablierten Neozoen Waschbär, Nilgans, Springkräuter & Co haben zwar Einfluss, aber in intakten Lebensräumen können dennoch altheimische Populationen neben diesen überleben. Außerdem sind die etablierten Neobiota nicht oder nur mit extrem blutigem Aufwand und vielen Nebenwirkungen wegzubekommen. Sie gehören inzwischen zu stets dynamischer neuer Natur - eine alte gibt es ohnehin nicht. 

Und können nicht auch neue Arten, wenn sie denn schon angekommen sind, Strukturen und Funktionen im Naturhaushalt genauso wie altheimische Arten übernehmen? Öfter als man denkt.

Natürlich gibt es (seltene) Ausnahmen: Das letzte Vorkommen einer altheimischen Art in einem der seltenen Tümpel weit und breit, welches zum Beispiel vom invasiven Kalikokrebs bedroht wird, darf und muss gegen die Fremden lokal geschützt werden. Die generelle Entwicklung lässt sich aber nicht aufhalten, Feldzüge überall gegen die Fremden sind mehr als fragwürdig. 

Wenn es mit Neobiota (übrigens genauso mit altheimischen Arten) ein bestimmtes lokales und ganz schwerwiegendes Problem in Kulturlandschaft gibt, kann man es lokal und begrenzt angehen: 

  • z.B. Riesenbärenklau raus aus dem Garten und weg von Spielplätzen, aber in freier Landschaft lassen, wo er ohnehin kaum bekämpfbar ist. 
  • z.B. Robinien und Lupinen raus aus den letzten Magerrasen, den sie schnell eutrophieren und überwuchern, aber woanders z.B. in (Wald)Wildnis belassen, wo sie wichtiger Teil sein können und sich einnischen.
  • Schwere lokale Probleme mit bestimmten Arten sollten die seltene Ausnahme sein und kritischst definiert und geprüft werden, statt voreilig das Neue zu bekämpfen. Oft ist es gar kein Schaden, sondern nur eine ungewohnte (wertneutrale) Neuentwicklung voller Dynamik. Ein gutes Beispiel sind Nutria, die fallweise zwar wertvolle Röhrichtbestände niederfressen können, aber gerade dadurch neuen auch wertvollen Lebensraum schaffen, wobei sich Röhricht sogar oft regenerieren kann. 
  • Im Zweifel für den Angeklagten, in dubio pro reo - hier: für das Neue, das beobachtet werden kann. Fremde können oft Freunde werden.

Wichtig: In Wildnis und Rewilding-Zonen sollten Neobiota nie bekämpft werden. Das sind ja gerade die Modellräume für (neue) eigendynamische Natur. Die Erfahrung zeigt zudem oft, wenn auch nicht immer: Die Neobiota treten allmählich dort zurück.


Ebene 3 - Vorsorge und Engagement gegen absichtliche große neue Verfremdung und unnötige Verschleppung

Das ist die andere Seite der gleichen Medaille namens Toleranz:

Denn so sinnig es ist, das Neue, wenn es schon da ist, zu tolerieren und (mit Ausnahmen) laufen zu lassen, so unsinnig ist es, aktiv, absichtlich, neu und groß verfremden zu wollen. Während aber Aktionisten unter manchen Naturschützern ihren K(r)ampf gegen Neobiota teils mit irrsinnigem Aufwand führen, sorgen Andere für immer neue, unsinnige, aktive großflächige Verfremdung. Gerade das ist das eigentliche Problem, nicht die angekommenen Springkräuter, Nilgänse und Waschbären der Republik.

  • Wir sind gegen die aktive Verfremdung von Waldlandschaften durch die Forstwirtschaft, die unter dem Vorwand des Klima fremde Baumarten in Vielzahl neu einbringt. Das entsprechende Konzept der „asssistet migration“ einiger Förster ist abzulehnen, weil (1) die heimische Baum- und Waldvielfalt von alleine sicher und schnell genug anpassen kann, wenn man sie lässt (viele Beispiele), und (2) man ja keine Beziehungsgefüge von woanders her komplett mit verpflanzen kann und die „Neuen“ isoliert da stehen - mit eigenen und dann auch neuen Problemen.
  • Wir sind gegen die Ausbringung neuer Organismen in der Landwirtschaft, die oft kaum wieder zu begrenzen sind.
  • Wir sind gegen eine „synthetische Biologie“, die neu Ökosysteme designen will. Die Natur ist immer noch „klüger“, variabler und damit angepasst an alles als die modernste Wissenschaft.
  • Wir sind gegen einen unreflektierten Gartenhandel, der teils ungeprüft Erde und Exoten über die ganze Welt verfrachtet und damit täglich neue Würmer, Ameisen, Bakterien, potenzeíelle Invasoren in Gärten werbend verbringt, die erst (neue) Probleme verursachen. Stattdessen unterstützen wir Prinzipien der Naturgärten mit heimischen Arten.

Damit verbunden ist Aufklärung: Gartenbesitzer, bitte niemals Grünabfälle (aus Exoten) in die Landschaft abladen, sondern zum örtlichen Entsorgungshof bringen. Illegal entsorgte Gartenabfälle sind ein unnötiges Einfallstor. Aquarier, Terrarienfreunde und Tierhalter, niemals Eure Schützlinge ins Freiland entlassen, denn so entstand unter anderem mit das Krebsproblem an Gewässern.


Ebene 4 - "Do it your-heimisch": Aktiv und freudvoll arbeiten mit altheimischen Arten statt mit Exoten 

- mit Ermöglichung guter Lebensräume, Kreis schließt sich zu Ebene 1

Toleranz dem Fremden mit und in Wildnis und Vorbeugen vor unsinnigen neuen großen Verfremdungen, das ist genannte Grundlage und unsere begründete Leitlinie, die trägt. Wenn man aber warum auch immer mal aktiv gestalten will (Nichtstun-Wildnis wäre aber oft vorzuziehen), dann bitte mit altheimischen Arten, denn auf die sind ein Großteil der örtlichen Tierarten spezialisiert; auch sind sie an Klima bereits angepasst oder (heimische Wildpflanzen) von selbst schnell anpassbar. Siehe dazu unsere Seite ‚Naturgarten‘ und unsere Bücher im ‚shop‘.

Gestalten mit altheimischen Arten statt Exoten macht Spass (im Garten und Parks) und bietet wundervolle Möglichkeiten. 

Weil Naturschutz dabei zwar vielfältiges Nachdenken, aber keine Dogmen braucht: Wer sich in einen Exoten wirklich verliebt hat, kann den im eigenen Garten halt auch mal pflanzen, daran geht die Welt nicht zugrunde, sollte aber ihn mit altheimischen Arten umgeben.


Zum Mitmachen und selbst machen:

  • Vorrang ist ‚Nichtstun‘, siehe unsere Wildnisseite. Seid oder werdet Teil einer wachsenden Wildnisbewegung! Die „richtigen“ Pflanzen- und Tierarten, ob einst fremd oder altheimisch, kommen von allein und bilden wahre neue Natur. Eine Bekämpfung des Fremden muss (dort) stoppen.
  • Wer aber unbedingt aussäen und gestalten will, bitte nur mit gebietsheimischem Saatgut - wir empfehlen diesen Leitfaden mit Bezugsadressen.
  • Für den eigenen Garten: Link ‚Naturgarten-Prinzipien‘.
  • Mehr Lesen? Unsere Bücher im ‚shop‘. In all diesen ist das Thema 'Neobiota' passend eingeordnet.